Can’t Wait
Ein Text von Hanako Emden.
Je älter du wurdest, desto weniger interessierte dich das Nachdenken über den eigenen Körper. Eines Tages, dachtest du, würdest du wie eine schwimmende Flasche im Meer untergehen. Der Deckel würde sich lösen, dein Inneres sich füllen: Flüssigkeit, Partikel von fremden Lebewesen, Salz, Staub, Reste der Welt die niemand mehr braucht, würden sich in dir versammeln. All diese Dinge würden den Stand deiner Ausfüllung symbolisieren, sie würden das sein, was dich zum Ende benennen würde.
Der Körper, denkt man, sei die Grenze die den Menschen vom Rest der Welt trennt. Dabei ist Körper, genau wie “Mensch” eigentlich eine Pädagogik, eine poröse Landschaft aus Gerüchen, die sich in der Begegnung mit einem Gegenüber immer wieder neu zusammensetzt, die es zu erlernen und beherrschen gilt, zu füttern und zu wiederholen. So ist ein Aprikosenkern eine Erinnerung an das Statische, und eine Zunge, die nach Fruchtfleisch in den Furchen fühlt, eine Laune, eine Handhabung und ein Wesen. Was den Mensch vom Ding unterscheidet, ist die Bewegung.
Man sagt, dass die Wiederkehr des Saturns in die Sternkonstellation des Geburtsfirmaments eine einschneidende Veränderung mit sich bringe, welche das Leben vom bisher gelebten und allem was kommt, trennen würde. Diesen Februar hatte sich also ein Portal an der rechten oberen Ecke deiner Wohnzimmerwand geöffnet.
Du warst zu dieser Zeit in einer anderen Stadt, wolltest dich nach den immer gleichen sozialen Geflechten neu erkunden. Du erzähltest mir davon, wie das war, so weit weg von Allem zu sein, von dem was dir bis dahin als Struktur bekannt geworden war. Du hattest diese zwei Freunde mit dem Auto, die machten Fahrten raus aus der Stadt. Du hattest davor noch nie einen Vulkan gesehen. Dass es so etwas geben könnte in der Welt in der du dich bis dahin bewegt hattest, in der Nähe einer Stadt, schien dir unmöglich. Dass die Schicht aus Matsch, die du, wie dein eigenes Sein, als selbstverständlich genommen hattest, die du begangen und verändert hattest, gegessen und verdaut hattest, aufbrechen könnte, erschien dir ein Unding. Und sobald etwas kein Ding mehr sei, musste es ein Mensch sein, oder ein Nichts.
Als ihr dann am Rande des dösenden Berges angekommen wart, und du die kleine Fahne aus Rauch aus seinem Scheitel steigen sahst, als sich Stein nicht als fest, sondern als flüssig offenbarte, da fingst du an infrage zu stellen, was du über die Beständigkeit deines eigenen Körpers gelernt hattest. Was wäre, wenn auch du, plötzlich, und ohne das Zucken eines Seismographen, einfach aufbrechen und schmelzen würdest?
Wie der Ausbruch, bist auch du beherrscht von Launen die sich verändern, die das Gegenteil vom Stillstand zeigen. War der Vulkan dir also ähnlich? Konnte ein Berg ein Mensch sein?
In dieser Stadt mit dem Vulkan, von der du nicht mehr sicher warst, ob es sie wirklich gegeben hatte, tauchte plötzlich ein Terrain zwischen dir und deinen bisherigen Erkenntnissen auf. Du nanntest das „Die dritte Landschaft“:
Der unentschiedene Charakter der Dritten Landschaft entspringt daraus, dass der Evolution aller biologischen Lebewesen, die ein gegebenes Territorium konstituieren, hier freien Lauf gelassen wird, dass es menschliche Entscheidungen somit nicht gibt. [1]
Du hast mir lauter so Quatsch geschickt, per E-mail, zusammenhangslose Phrasen, Zitate und Bilder. Du schriebst mir zum Beispiel, dass Jutta Koether den Ort, an dem die Verwandtschaftsverhältnisse aller Dinge ausgetragen würden, als das Ich bezeichne. Dass das Ich ein Ort oder ein Bühne sei, auf der sich Verhältnisse neu sortieren könnten. Dass die Hausfrau das zum Beispiel am besten wisse, denn ihre Aufgabe sei es sich um die Dinge zu kümmern, zu sorgen, sie von einem Ort an den Nächsten zu tragen, sie zu säubern und zu lieben. Ihr Körper würde sozusagen, unabwendbar die Grenze zwischen Ding und Un-Ding überschreiten. Du sähest da einen Bezug zu deiner Arbeit, zu Kunst. Kunst sei vielleicht der Hausfrau ähnlich.
Die Dinge verhielten sich nicht mehr isoliert von ihr, sondern untereinander, scheinbar ohne sie um Erlaubnis zu fragen. [2]
Du hast mich oft angerufen und wir haben uns über Lyrik unterhalten, über Musik und Süßigkeiten. Dinge, die sich beweglich anfühlten.
Ob es der Einfluss des Portals war, des Saturns, des Vulkans (Ist ein Vulkan ein Portal?), das wüsstest du jetzt nicht mehr, aber du begannst damit, die Haut um deinen Daumen zwischen den Zähnen aufzuweichen. Erst behutsam, dann immer kraftvoller, begannst du damit dich langsam aufzuessen. Autokannibalismus. Teile deiner Selbst einzuverleiben, erklärteste du, würde einen produktiven Umgang mit dem bisher Dagewesenen darstellen, mit der Zeit oder der Vergangenheit. Du fingst an Öffnungen und Flächen freizulegen. Ein Stück Nagel, ein paar Haare. Manchmal wurdest du wütend, weil das so wehtat, dieses hungrige Erforschen der eigenen Grenzen. Aber du konntest nicht aufhören.
Wir würden uns im Kontinuum der Welt denken wenn wir keine Stimmungen hätten
Es ist der Gemütszustand (state-of-mind ) der uns offenbart
(…) das wir Lebewesen sind die in etwas Anderes hineingeworfen wurden
Etwas anderes als was? [3]
Ich denke, da waren irgendwelche Fasern die sich von dir gelöst hatten und du musstest suchen, nach diesen Stücken, diesem kurzweiligen Gefühl, von Licht das durch den Vorhang scheint, die dünne Feuchtigkeitsschicht an Autoscheiben. Du wolltest hin zum Uferlosen, weg vom Rand.
Nach deiner Rückkehr fingst du sofort an infrage zu stellen, wie die Zeit in der Stadt mit dem Vulkan wirklich gewesen ware. Du wärst ja nicht mehr dort, du könntest nicht mehr prüfen ob es diese Straßen wirklich gegeben hätte. Das kleine Café in dem du täglich gesessen hattest, die großen Fenster, wer könnte dir versichern, dass all diese Orte wirklich vorhanden waren, nun, wo du nicht mehr anwesend warst um dir die Zeit zwischen ihnen zu vertreiben?
Deinen Scheitel, den hattest du gerade aufgegessen, da haben wir uns getroffen und du erklärtest mir das Warum? und deine Empfindung zum Verdauen: “Ich muss mich auf einmal als Körper, in ein großes Ganzes einfügen: Die Grenzen meines Seins anhand der Horizonte meiner Haut messen, einen Ort finden, das muss ich von neu auf lernen. Ich bin interessiert am Aufessen weil, Schmerz ist immer auch Gegenwart. Bis hierhin, hab ich Essen als Genuss oder Zeitvertreib geübt, Essen entzogen zum Zweck der Kontrolle, darüber bin ich hinweg. Stattdessen will ich spüren wo ich in der Zeit vorhanden bin, wo ein Mensch eine Landschaft oder ein Aprikosenkern wird. Ich bin auf der Suche nach diesem Brachland und ich denke das hat mein Körper einfach immer symbolisiert, den Bezug zur Zeit, dadurch ist er irgendwie ganz beiläufig zu so einer Art Monument geworden, er erinnert mich daran”.
[1] Clément, Gilles. Manifest der Dritten Landschaft, Berlin: Merve Verlag, 2010 [Erstveröffentlichung: Édition Sujet/Objet, 2004.]
[2] Koether, Jutta. f., Berlin: Sternberg Press, 2015. [Erstveröffentlichung: Édition Bleich Rossi, 1987.]
[3] Carson, Anne. Autobiography of Red, New York: Vintage Books A Division of Random House, Inc. 1999.
Ob es der Einfluss des Portals war, des Saturns, des Vulkans (Ist ein Vulkan ein Portal?), das wüsstest du jetzt nicht mehr, aber du begannst damit, die Haut um deinen Daumen zwischen den Zähnen aufzuweichen. Erst behutsam, dann immer kraftvoller, begannst du damit dich langsam aufzuessen. Autokannibalismus.
Exhibition Text: Hanako Emden
Documentation: Tobias Bertz
Flyer Design: Yola Brormann
Gefördert durch die Kleinprojekteförderung der Stadt Leipzig und den HGB Freundeskreis